Die größten Probleme kommen mit der Kälte

veröffentlicht: 14.09.2007
Quelle: Junge Welt
Autor: Wera Richter

Berlin: Erstes Pressefest des strassenfegers soll auf Probleme der Obdachlosen aufmerksam machen. Ein Gespräch mit Andreas Düllick

Andreas Düllick ist Mitglied im Vorstand des Vereins »mob – Obdachlose machen mobil« und Redaktionsleiter der Zeitung strassenfeger

Am Wochenende findet in Berlin das erste Pressefest des strassenfegers unter dem Motto »arm, aber sexy« statt ... Wir beziehen uns damit auf den berühmten Ausspruch unseres Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit: »Berlin ist arm, aber sexy«. Natürlich verbinden wir mit dem Motto etwas anderes als er. Es gibt viele Menschen in Berlin, die auch dank der Hartz-IV-Reform unter SPD-Führung obdach-, wohnungslos oder arm sind. Wir finden, daß diese Menschen trotzdem interessant sind und ihr Leben auf sehr unterschiedliche Art und Weise meistern. Wir finden, wir gehören dazu, gehören in diese Gesellschaft. Deswegen haben wir unser Pressefest unter dieses Motto gestellt. Natürlich auch, um den Bürgermeister ein wenig zu provozieren. Wowereit ist auch eingeladen. Wird er kommen?

Nein, er hat aus Termingründen abgesagt. Wir haben jetzt eine Zusage, daß ihn jemand vertreten wird. Da wird wohl einer aus der dritten Reihe kommen, aber die führenden Persönlichkeiten lassen sich nicht sehen. Das ist bezeichnend für Berlin. So bezeichnend wie die fehlende finanzelle Unterstützung durch den Senat?

Mittel für unsere Arbeit wären natürlich wünschenswert. Der strassenfeger und der Verein »mob – Obdachlose machen mobil«, der die Straßenzeitung herausgibt, arbeiten ohne jede staatliche Unterstützung. Neben der Zeitung betreiben wir eine Notübernachtung, das Kaffee Bankrott, Trödelprojekte und Sozialberatungen. Wir sind kein Einzelfall. So geht es fast allen Vereinen oder karitativen Einrichtungen, die sich in dieser Stadt um Obdach- und Wohnungslose sowie arme Menschen bemühen. Sie alle sind in großem Maße auf Spenden angewiesen.

Sie unterscheiden zwischen Obdach- und Wohnungslosen. Wo liegt der Unterschied? Obdachlose sind Menschen, die ohne feste Unterkunft auf der Straße leben und überleben und die oftmals auch keine finanzielle Unterstützung beantragen. Sie haben zum Beispiel Angst, weil sie schlechte Erfahrung mit Bürokratie und Behörden gemacht haben, weil ihnen Hilfe verweigert wurde oder sie Befürchtungen wegen Schulden oder Strafverfolgung haben. Daneben gibt es Wohnungslose, die behördlich untergebracht wurden, zum Beispiel nachdem sie ihren Wohnraum wegen Mietschulden verloren haben. Über die Zahl der Obdachlosen in Berlin. Der Berliner Senat nennt seit zehn Jahren ungefähr die Zahl von 2000 bis 4000 Obdachlosen. Viele Hilfsverbände schätzen die Zahl weitaus höher. Werden Sie auch in diesem Jahr wieder einen Kältehilferatgeber herausgeben? Ja, denn die größten Probleme beginnen mit der Kälze wieder. Es gibt nicht genügend Unterkünfte. Die Menschen frieren, haben nichts zu essen und zu trinken und können sich nirgends aufwärmen. Den Kältehilferatgeber erarbeiten wir zusammen mit anderen Organisationen und finanzieren ihn mit Spenden. Auch das wäre eine gute Gelegenheit für den Senat, sich zu beteiligen. Auf den acht Seiten, die wir jedes Jahr zum Anfang der Kälteperiode herausbringen, gibt es konkrete Tips, wo man eine Wärmestube oder eine Notübernachtung findet. Auch die Adressen von Nachtcafés und Möglichkeiten für Tages­aufenthalte, sind dort zu finden. Der dazugehörige Internetlink heißt kaeltehilfe-dwno-berlin.de. Wie kam es zu der Idee, ein Pressefest des strassenfegers zu organisieren? Wir wollen vor allem, daß mehr Leute uns und unsere Arbeit kennenlernen. Wir wollen unsere Projekte vorstellen: zum Beispiel die Notübernachtung oder unser Café, in dem man für wenig Geld frühstücken oder Mittag essen kann, und unsere kostenlose ALG-II- und Rechtsberatung, die wir jede Woche durchführen. Wir wollen armen Leuten sagen, daß sie bei uns kostenlos Hilfe bekommen. Viele schämen sich und sagen, wir gehen doch nicht zu den Obdachlosen oder zum »Mob e.V.« Wir wollen den Leuten diese Scheu nehmen und ihnen sagen: Wir sind für euch da, wir können euch helfen. Nicht nur Obdachlosen, sondern auch armen Leuten. Am Wochenende gibt es ein volles Programm für jung und alt mit Skartbahn, Lesungen und Bands. Die »Bolschewistische Kulturkapelle«, »Die Grenzgänger« und viele andere mehr treten auf.

15./16. September, Brotfabrik, Caligariplatz, Berlin-Weißensee: Erstes strassenfeger-Pressefest, Programm: strassenfeger.org